Es ist ein Uhr nachts. Mit meinem Wohnungs- schlüssel in der Hand stehe ich in der Küche und zögere...
Wie stellt ihr euch das Leben in einem Studenten- wohnheim vor? Viele junge Leute unter einem Dach, immer jemand da, mit dem man die Lieblingsserie gucken oder von dem man sich alle vorstellbaren Dinge leihen kann. Es wird nie langweilig und bei diesem feierlustigen Menschenschlag auch ab und zu ein bisschen lauter.
Klingt eigentlich ganz lustig - bis man nach einem anstrengenden Tag hellwach im Bett liegt und seit drei Stunden kein Auge zu bekommt (obwohl man am nächsten Morgen um 6 Uhr aufstehen müsste), weil einem der Bass von Nachbars Partymusik die Ohren massiert. Wie kann sich ein Student ein solches Soundsystem leisten? Und wozu gibt es nochmal den mietbaren Clubraum mit Terasse im Erdgeschoss?
Und von Minute zu Minute wird aus mir verständnisvollen Menschen, der weiß, dass er auch anstrengend sein kann und gern mal ein Auge zudrückt (schön wär's) eine bis in die letzte Zelle gereizte Furie. Wut!
Wenn man die halbe Nacht lückenlos alle Partyhits samt Gegröhle der Gäste durchlitten hat und sämtliche Ignorierungsversuche (wo sind Ohrstöpsel, wenn man sie braucht?), gegen die Wand klopfen und aus dem Fenster rufen erfolglos waren, gelangt auch meine Geduld an ihre Grenzen. So fühlt es sich also an, wenn das eigene Bett mitten auf der Tanzfläche einer riesigen Diskothek steht.
Aber was tun? Rüber gehen und den Leuten die Meinung sagen? Ich? Das schwache, hilflose Mädchen mit zerzausten Haaren, in Hausschuhen und Schlafklamotten? Nichts als Gelächter und blöde Sprüche würde ich ernten. Aber wer außer mir? Alle anderen Hausbewohner schlafen, durch Flure oder mich von der Lärmquelle getrennt, sicher seit Stunden seelenruhig in ihren beneidenswert ruhigen Zimmern. Zu allem Überfluss ist die Veranstalterin eine Asiatin. Vielleicht versteht mich gar keiner oder die Männer sind betrunken und schreien mich an?
Und plötzlich stehe ich im Gang, klingle Sturm, klopfe gleichzeitig so fest ich kann gegen die Tür und verkünde mit fester Stimme meine vorbereitete Moralpredigt, nachdem sich diese endlich öffnet. Kein Lachen, nicht einmal ein Schmunzeln - stattdessen überraschte, kleinlaute Gesichter - und Stille!
Ein bisschen stolz und ein bisschen verschämt stapfe ich zurück in meine Wohnung. Einer ganzen Gruppe von Studenten die Party versauen, nur damit ich meine Ruhe habe? Wie spießig! Vor lauter Adrenalin kann ich ohnehin nicht sofort einschlafen, doch als aus der Folterkammer der letzten Stunden wieder mein gemütliches, ruhiges Zimmer wird, bin ich mir in einem sicher:
Man muss sich auch nicht alles gefallen lassen.












